Zwischen Feuer, Weite und Malvenblüten

Zwischen Feuer, Weite und Malvenblüten

Den Mittsommer erlebe ich in diesem Jahr auf eine ganz besondere Weise.

Seit Wochen bin ich zu Fuss entlang der Donau unterwegs. Tag fĂŒr Tag. Schritt fĂŒr Schritt. Immer weiter mit diesem grossen Fluss.

Und dann war ich in Spitz an der Donau genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Ich durfte eine der grossen Sonnwendfeiern in der Wachau miterleben – gemeinsam mit tausenden Menschen.

Kerzen entlang der Donau.

Mittsommerfeuer auf den HĂŒgeln.

Tausende Fackeln in den Weinbergen.

Und ein schier endloses Feuerwerk ĂŒber dem Wasser.

Die ganze Landschaft stand im Feuer.

Es war laut, kraftvoll, wild und ĂŒberwĂ€ltigend.

Und ich mittendrin.

Wenn sich alles miteinander verbindet

Diese Stimmung hat mich tief berĂŒhrt.

Nicht nur das Feuer.

Es war das Zusammenspiel von allem.

Das Feuer auf den HĂŒgeln.

Die Donau, die das Licht spiegelte.

Die dunklen Weinberge.

Die Menschen entlang des Ufers.

Die Musik, die Stimmen, der Geruch des Rauchs.

Jedes einzelne Element hatte seine eigene Kraft.

Doch erst im Zusammenspiel entstand dieses grosse Ganze.

Das Feuer liess das Wasser leuchten.

Das Wasser trug die Bilder weiter.

Die Landschaft gab dem Brauch seinen Raum.

Und die Menschen fĂŒllten ihn mit Leben.

Alles verband sich miteinander.

Und vielleicht verstĂ€rkte gerade dieses Zusammenspiel die Wirkung dieses Abends. Nichts stand fĂŒr sich allein. Jedes Element brachte seine eigene Kraft ein – und gemeinsam entstand etwas, das weitÂ ĂŒber das Einzelne hinausging.

Genau das fasziniert mich.

Wenn unterschiedliche KrÀfte nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich verbinden.

Wenn jede ihren Platz hat.

Wenn das Eine das Andere unterstĂŒtzt, ergĂ€nzt und sichtbar macht.

Das Feuer nicht nur anschauen

Ich spĂŒrte einmal mehr, wie wertvoll solche alten BrĂ€uche sind, wenn wir sie nicht nur anschauen, sondern wirklich erleben.

Wenn wir mittendrin stehen.

Das Feuer riechen.

Das Wasser hören.

Die WĂ€rme auf der Haut spĂŒren.

Die Menschen um uns herum wahrnehmen.

Und fĂŒr einen Moment Teil von etwas werden, das schon lange vor uns da war.

Die Sonnwendfeuer erzÀhlen vom Lauf der Sonne und vom Rhythmus des Jahres. Vom lÀngsten Tag.

Von der ganzen FĂŒlle des Sommers. Und gleichzeitig bereits von der Wende.

Denn genau in dem Moment, in dem das Licht seinen Höhepunkt erreicht hat, beginnt es wieder abzunehmen.

Nicht plötzlich.

Nicht spĂŒrbar von einem Tag auf den anderen.

Aber die Wende ist da.

Vielleicht berĂŒhren uns solche BrĂ€uche gerade deshalb so tief. Weil sie uns daran erinnern, dass alles seinen Rhythmus hat.

Das Wachsen.

Das BlĂŒhen.

Das Reifen.

Das Ernten.

Und irgendwann auch das Loslassen.

Nichts davon steht fĂŒr sich allein.

Alles ist miteinander verbunden.


Mit dem ganzen Körper verstehen

Genau das ist es, was mich auf meiner Reise immer wieder bewegt: 

Nicht nur unterwegs sein.

Sondern eintauchen.

Mich berĂŒhren lassen.

Mit dem ganzen Körper verstehen.

Ich kann ĂŒber Landschaften lesen. Ich kann ihre Geschichte studieren, Karten anschauen und Jahreszahlen lernen.

Aber etwas ganz anderes geschieht, wenn ich hindurchgehe.

Wenn ich den Boden unter meinen FĂŒssen spĂŒre. Wenn ich am Morgen loslaufe und noch nicht weiss, welche Begegnungen dieser Tag bereithĂ€lt. Wenn der Wind dreht, die Landschaft weiter wird und plötzlich neue Gedanken in meinem Kopf auftauchen.

Auch hier wirkt nicht nur eine Sache.

Die Bewegung bringt meine Gedanken in Fluss.

Die Landschaft öffnet meinen Blick.

Die Begegnungen geben neue Impulse.

Und der Fluss trÀgt all das weiter.

Diese Reise bewegt nicht nur meinen Körper.

Sie bewegt auch ganz viel in mir.

Ich mache Sprachnotizen an mich selbst. Ich schicke Nachrichten nach Hause. Neue Ideen tauchen auf.

Dinge ordnen sich. Anderes fÀllt weg.

Die Weite an der Donau nimmt das Enge heraus.

Sie schafft Platz.

Ich komme mit auf diese Reise

 

Vom grossen Feuer ins tiefe Waldviertel

Nach diesen kraftvollen Tagen an der Donau fĂŒhrte mich mein Weg weiter.

Weg vom Fluss.

Hinauf ins Waldviertel.

An den Kraftplatz der neuen Zeit und zu Claudia Weissenböck.

Der Unterschied hÀtte kaum grösser sein können.

Nach dem Feuer, den Menschenmengen und fĂŒnf Wochen entlang der Donau öffnete sich ein ganz anderer Raum.

Ruhiger.

Erdiger.

Tiefer.

Und doch begegnete mir hier im Grunde dasselbe.

Wieder war es das Zusammenspiel.

Der Ort.

Die Pflanzen.

Die Rituale.

Die Menschen.

Und die Bereitschaft, wirklich hinzuhören.

Keine dieser KrĂ€fte wirkte fĂŒr sich allein.

Der Ort gab tiefen Halt. Die Pflanzen öffneten ihre eigenen RĂ€ume. Die Rituale bĂŒndelten die Aufmerksamkeit. Und die Menschen brachten ihre persönlichen Geschichten und Fragen mit.

Alles griff ineinander.

Alles trug das Andere mit.

Und dadurch konnte etwas entstehen, das weit ĂŒber eine einzelne Pflanze, ein einzelnes Ritual oder einen einzelnen Menschen hinausging.

Im Waldviertel wurde dieses Zusammenspiel nicht laut und spektakulÀr sichtbar wie an der Donau.

Es zeigte sich feiner.

Im Lauschen.

So nennen es die Menschen dort.

Nicht einfach nur zuhören.

Sondern wirklich da sein.

Nicht sofort eine Antwort suchen. Nicht gleich alles erklÀren und einordnen wollen. Sondern wahrnehmen, was da ist und was sich zeigt.

Auch das gehört fĂŒr mich zum Jahreskreis:

Das grosse Feuer draussen.

Und das eigene Feuer, das im Inneren wieder spĂŒrbarer wird.

 

Was möchte weiterwachsen?

Die Mittsommerzeit ist fĂŒr mich nicht nur eine Zeit der FĂŒlle.

Sie ist auch ein Moment zum Innehalten und Hinschauen.

Was ist in den vergangenen Monaten gewachsen?

Was ist aufgeblĂŒht?

Was trĂ€gt bereits FrĂŒchte?

Was möchte ich in der zweiten HÀlfte des Jahres weiter nÀhren?

Und was braucht nicht mehr lÀnger meine Kraft?

Solche Fragen tauchen unterwegs auf.

Nicht geplant.

Sie kommen beim Gehen. Am Wasser. Im Wind. Oder am Abend, wenn der Körper mĂŒde ist und der Kopf plötzlich ganz klar wird.

Diese Reise zeigt mir immer wieder, dass die Àusseren und die inneren Wege nicht voneinander getrennt sind.

Sie wirken aufeinander.

Sie bewegen sich miteinander.

Und manchmal verstÀrkt eine Àussere Erfahrung etwas, das im Inneren schon lange darauf gewartet hat, sichtbar zu werden.

Genauso bin ich unterwegs tief verbunden mit dem Hof, mit meinem wunderbaren Team, mit meiner Familie und mit meinem Liebsten.

Ich bin weit weg.

Und trotzdem ganz nah.

WĂ€hrend ich gehe, wird zu Hause geerntet

WĂ€hrend ich weiter der Donau folge, steht der Botanische Heilpflanzengarten zu Hause in seiner ganzen sommerlichen FĂŒlle.

Der Garten wartet nicht, bis ich zurĂŒckkomme.

Die Pflanzen wachsen.

Sie öffnen ihre BlĂŒten.

Sie reifen.

Und sie wollen im richtigen Moment geerntet werden.

Mein Team ist deshalb Tag fĂŒr Tag im Garten unterwegs.

Korb um Korb wird mit leuchtenden BlĂŒten gefĂŒllt.

Alles wird von Hand gepflĂŒckt. SorgfĂ€ltig. Wach. Und immer mit dem Blick auf die einzelne Pflanze.

Denn Ernten bedeutet nicht einfach, möglichst viel abzuschneiden.

Ernten bedeutet wahrnehmen.

Ist die BlĂŒte wirklich offen?

Ist die Pflanze trocken?

Ist jetzt ihr Moment?

Oder braucht sie noch einen Tag?

Manche Pflanzen schenken uns ĂŒber viele Wochen immer neue BlĂŒten. Andere öffnen sich nur fĂŒr kurze Zeit.

Und genau darin liegt auch die Kunst der Ernte:

Nicht zu frĂŒh.

Nicht zu spÀt.

Sondern dann, wenn die Pflanze bereit ist.

Und auch im Garten zeigt sich dieses grosse Zusammenspiel.

Keine Pflanze wĂ€chst ganz fĂŒr sich allein.

Die eine gibt Schatten.

Die andere lockt Insekten an.

Eine bringt Struktur.

Eine andere Farbe, Duft oder Leichtigkeit.

Jede Pflanze hat ihre eigene Kraft.

Doch dort, wo sie sich gut miteinander verbinden, entsteht mehr als eine Ansammlung einzelner Pflanzen.

Es entsteht ein lebendiger Gartenraum.

Und genau dieses Prinzip begegnet mir auch in unseren Pflanzenmischungen.

Die Malve – eine Pflanze, die verbindet

Eine der Pflanzen, die jetzt bei uns geerntet wird, ist die Malve.

Die Wilde Malve, botanisch Malva sylvestris, gehört nicht zu den Pflanzen, die laut auftreten.

Sie drÀngt sich nicht in den Vordergrund.

Und doch bleibt man an ihren wunderschönen BlĂŒten hĂ€ngen.

Rosa bis violett leuchten sie zwischen all dem GrĂŒn. Durchzogen von dunkleren Linien, die wie feine Wege zur Mitte der BlĂŒte fĂŒhren.

Die Malve ist eine alte Heilpflanze. In ihren BlĂŒten und BlĂ€ttern befinden sich wertvolle Schleimstoffe.

Diese Schleimstoffe schenken ihr ihren sanften, umhĂŒllenden und ausgleichenden Charakter.

Ihre Art ist nicht scharf.

Nicht bitter.

Nicht aufrĂŒttelnd.

Sie bringt etwas Weiches, Feuchtes und Schönes mit.

Sie wirkt ĂŒber das UmhĂŒllen.

Über das BesĂ€nftigen.

Und ĂŒber das Verbinden.

Genau deshalb ist sie fĂŒr mich auch in einer Pflanzenmischung so wertvoll.

Denn eine gute Mischung besteht nicht einfach aus möglichst vielen Pflanzen.

Es geht darum, welche Rolle jede Pflanze ĂŒbernimmt.

Was bringt sie mit?

Welche Pflanze braucht eine andere an ihrer Seite?

Wo ergÀnzen sie sich?

Und wie können sie sich miteinander so verbinden, dass jede ihre eigene Kraft möglichst gut einbringen kann?

Die Malve ĂŒbernimmt dabei oft eine besondere Aufgabe.

Sie steht nicht unbedingt im Vordergrund.

Aber sie verbindet.

Sie macht krĂ€ftige, herbe oder bittere Pflanzen etwas weicher und runder. Sie bringt etwas Feuchtes und UmhĂŒllendes in die Mischung. Und mit ihren wunderschönen BlĂŒten schenkt sie ihr eine Leichtigkeit, die auch das Auge berĂŒhrt.

Sie trÀgt dazu bei, dass Pflanzen mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften besser zusammenfinden.

Ich bezeichne sie deshalb gerne als Verbindungspflanze.

Oder als eine Pflanze, die die Wirkung einer ganzen Mischung verstÀrkt.

Nicht, weil sie die Wirkstoffe der anderen Pflanzen einfach stÀrker macht.

Sondern weil sie einen Rahmen schafft, in dem jede beteiligte Pflanze ihre eigene Geniezone bestmöglichst einbringen kann.

Es ist wie bei der Sonnwendfeier an der Donau.

Das Feuer allein war kraftvoll.

Doch erst gemeinsam mit dem Wasser, der Landschaft, dem alten Brauch und den Menschen entstand dieses ĂŒberwĂ€ltigende Ganze.

Und es ist wie im Waldviertel.

Der Ort allein ist besonders.

Doch erst im Zusammenspiel mit den Pflanzen, den Ritualen und den Menschen öffnet sich dieser tiefere Raum.

Genauso erlebe ich es in einer Pflanzenmischung.

Jede Pflanze bringt etwas Eigenes mit.

Und wenn sie gut aufeinander abgestimmt sind, tragen, ergÀnzen und verstÀrken sie sich in ihrem gemeinsamen Wirken.

Die Malve ist dabei oft diejenige, die nicht laut wird.

Und trotzdem etwas SpektakulÀres vollbringt.

Denn sie macht aus einer simplen KrÀutermischung ein Feuerwerk.

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