Stopp! Diese Grenze kannst du nicht zu Fuss passieren
Vom Eisernen Tor, mĂŒden Beinen und Menschen, die mich auffangen.
Hinter mir schreit eine grelle Frauenstimme:
«Stopp!»
Ich bleibe wie angewurzelt stehen und drehe mich um.
Und muss mich ziemlich beherrschen, um ernst zu bleiben.
Denn hinter genau jener Hecke, an der ich soeben vorbeigewandert bin â und bei der ich kurz ĂŒberlegt hatte, ob sie sich vielleicht zum Pinkeln eignen wĂŒrde â kommen zwei Grenzpolizistinnen hervorgestĂŒrmt.
Direkt auf mich zu.
Tja. Sie meinen tatsÀchlich mich.
Zum GlĂŒck bin ich schon ĂŒber 90 Tage unterwegs und nicht mehr ganz so dĂŒnnhĂ€utig wie zu Beginn meiner Reise. Also höre ich geduldig zu und versuche, mit meinem nicht gerade supercoolen Englisch zu erklĂ€ren:
Ich wollte doch nur das Stauwerk sehen.
«Why?», fragt eine der beiden.
Weil Äerdap 1 eines der imposantesten Stauwerke an der Donau ist. Weil ich die ganze Donau entlangreise. Weil ich Touristin bin.
«I walk the whole Danube.»
Ich sehe förmlich, wie es hinter ihren Stirnen arbeitet:Ist sie nicht ganz dicht?
Dann wird gewinkt und gefuchtelt: Ich mĂŒsse das GelĂ€nde sofort verlassen. Diese Grenze könne ich unmöglich zu Fuss passieren. Nur in einem Auto.
Dazu habe ich wenig Lust. Vor der Grenze stehen lange Autoschlangen. Und wer nimmt schon eine Frau mit Rucksack mit, wenn der GrenzĂŒbertritt kompliziert ist?
Also bleibe ich auf der serbischen Seite.
Ich erklÀre den beiden Polizistinnen noch, dass ich jetzt per Autostopp weiterreisen werde. Nicht, dass sie gleich wieder hinter einer Hecke hervorspringen, wenn ich am Strassenrand stehe und Autos anhalte.

Das Eiserne Tor wird eines meiner grossen landschaftlichen und kulturellen Highlights dieser Reise. Hier zwĂ€ngt sich die Donau durch eine gewaltige Schlucht zwischen Serbien und RumĂ€nien. Im Grossen Kazan ist sie stellenweise nur noch 150 Meter breit und bis zu 90 Meter tief. Das Eiserne Tor gilt als lĂ€ngste und grösste Durchbruchsschlucht Europas. [ICPDR â Internationale Kommission zum Schutz der Donau]
Zwei riesige Staustufen, Äerdap 1 und Äerdap 2, haben den Fluss und die ganze Landschaft verĂ€ndert. Gleichzeitig produzieren sie Strom fĂŒr Serbien und RumĂ€nien.
Und doch fĂŒhrt die Donau gerade so wenig Wasser, dass FĂ€hren nicht mehr fahren und selbst das grösste serbische Wasserkraftwerk Ende Juli nur noch rund ein Drittel seiner ĂŒblichen Tagesmenge produzierte. Im Mai und Juni war die Produktion sogar so niedrig wie noch nie seit der Eröffnung 1970. [Reuters]
Nach Äerdap reise ich per Autostopp weiter und bade ein letztes Mal auf der serbischen Seite in der Donau.
Der GrenzĂŒbertritt nach Bulgarien ist dann um einiges entspannter.
Vorsorglich bestelle ich ein Taxi, weil ich nicht weiss, ob auch diese Grenze fĂŒr FussgĂ€nger gesperrt ist. Der Grenzbeamte erklĂ€rt mir jedoch in freundlichstem Englisch, dass das ĂŒberhaupt kein Problem gewesen wĂ€re.
Dieses Thema gebe es nur bei Äerdap.
Er wĂŒnscht mir eine fröhliche Weiterreise und erkundigt sich, ob es mir in Serbien gefallen habe und wie lange ich dort geblieben sei.
Und ja: Es hat mir gefallen.
Serbien war fĂŒr mich ein Land, das ich vorher praktisch nicht kannte â und das mich unglaublich ĂŒberrascht hat.
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Die Landschaft, die sich immer wieder verĂ€ndert. Die BĂ€ume voller Zwetschgen. Kefir und Joghurt in Zwei-Liter-PET-Flaschen. Das weltbeste Fladenbrot, oft zĂŒndheiss serviert. Die fröhliche Musik, die ĂŒberall â aber auch wirklich ĂŒberall â aus HĂ€usern, GĂ€rten und Autos dröhnt.
Und vor allem die Menschen.
Gleichzeitig erreichen mich aus meiner Community immer wieder Nachrichten:
«Du bist jetzt schon weit im Osten. Dort wird es gefÀhrlicher.»
Ich solle mich vor Banden, streunenden Hunden und fremden Menschen in Acht nehmen.
Ich weiss, diese Warnungen sind gut gemeint. Und natĂŒrlich bin ich aufmerksam. Ich höre auf mein BauchgefĂŒhl und gehe nicht blind durch die Welt.
Aber ich habe etwas anderes erlebt.
Menschen, die mich kaum kannten und mir trotzdem ihre Telefonnummer in die Hand drĂŒckten:
«Ruf an, falls etwas ist.»
Menschen, die mich im Auto mitnahmen und anschliessend so lange herumtelefonierten, bis sie fĂŒr mich eine gute und gĂŒnstige Unterkunft in der Stadt gefunden hatten â obwohl sie selbst dort nur auf der Durchreise waren.
Menschen, die anhielten, halfen und mich ein StĂŒck meines Weges mitnahmen.
Stell dir vor: Ich bin hier nur Touristin.
Und nicht gerade eine UnauffÀllige.
Ich bin als Frau allein unterwegs. Zu Fuss mit Rucksack. Ich halte Autos an und fahre per Autostopp mit wildfremden Menschen mit. Ich falle hier definitiv auf.
Und trotzdem â oder vielleicht gerade deshalb â werde ich immer wieder angesprochen, eingeladen und mitgenommen.
Inzwischen bin ich in Bulgarien angekommen und habe sogar eine neue Zeitzone erreicht.
1'990 Donaukilometer liegen hinter mir.
790 liegen noch vor mir.
Seit ĂŒber 90 Tagen bin ich unterwegs. Und ja, langsam zeige nicht nur ich etwas Verschleiss.
Mein Knie schmerzt. Ein paar Socken und ein T-Shirt musste ich bereits ausrangieren. Ein Paar Schuhe ist hinĂŒber. Sogar meine Schlafmatte musste ich ersetzen, weil sie Hitzestress hatte und sich die Verschweissungen lösten.
Auch die Wanderpfade versiegen â genau wie das Wasser in der Donau.
Immer öfter fĂŒhrt mein Weg entlang von Hauptstrassen. Manche GrenzĂŒbergĂ€nge darf ich als FussgĂ€ngerin nicht passieren. Und die FĂ€hren, mit denen ich so gerne die Flussseite gewechselt hĂ€tte, fahren wegen des niedrigen Wasserstands nicht mehr.
Ich brauche einen neuen Plan.
FĂŒr die nĂ€chsten vielen hundert Kilometer muss ich mir gut ĂŒberlegen, auf welcher Seite der Donau ich weiterreise. Ich bin zunehmend per Autostopp, Bus und Bahn unterwegs.
Diese Reise zwingt mich immer wieder, meine Vorstellungen davon loszulassen, wie sie eigentlich sein sollte.
Und wÀhrend ich mich immer weiter ostwÀrts, Richtung Schwarzes Meer, bewege, hÀlt mein Team zu Hause den Hof am Laufen. Es erntet, pflegt, topft und pflanzt neu.
Ich spĂŒre, dass mein Team mĂŒde wird.
Ăbrigens war mein Mann in Serbien fast zehn Tage mit dabei â bis Belgrad. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, spĂŒre ich jetzt umso mehr, wie sehr er mich vermisst und ich ihn.

Auch meine Motivation lĂ€sst manchmal nach. Dann beschĂ€ftigen mich die schlechten GerĂŒche, der Abfall, die streunenden Hunde oder die Hygiene.
Solche Momente auszuhalten und nicht einfach wegzulaufen, ist nicht immer leicht.
Interessanterweise ging es mir am Eisernen Tor innerlich ganz Àhnlich wie der Donau:
Ich musste mich durch einen Flaschenhals zwÀngen.
Doch genau diese Momente machen diese Reise zu dem, was sie ist. Denn nach jedem Flaschenhals öffnet sich etwas Neues.
Und plötzlich ist er wieder da: dieser SprĂŒhregen aus GlĂŒcksgefĂŒhlen.
Eine neue Landschaft. Eine Donau, die sich nicht aus der Ruhe bringen lÀsst. Und Menschen, die mir zeigen: Hier weiter im Osten wartet eine Herzlichkeit, die ich mit jedem Tag besser annehmen kann.
So wie Emil, dem ich gleich nach der Grenze zwischen Serbien und Bulgarien begegne.
Meine allererste Begegnung in Bulgarien ist so unfassbar, dass ich sie nicht schnell zwischen zwei Blog-AbsÀtze packen möchte.
Wie sicher ich mich als allein reisende Frau beim Durchqueren dieser LĂ€nder wirklich fĂŒhle, was in mir vorgeht, wenn ich zu wildfremden Menschen ins Auto steige â und was dann mit Emil geschieht â, erzĂ€hle ich dir im Mitreiseraum.
Denn Vieles von dem, was auf dieser Reise passiert, passt nicht in ein kurzes Reel.
Im Mitreiseraum nehme ich dich mit in das, was dahinterliegt â mit Videos, Texten und Sprachnachrichten.
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Mitreiseraum
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Nur so viel verrate ich ĂŒber Emil: Durch ihn muss ich wieder etwas lernen, das mir gar nicht so leichtfĂ€llt:
Eingeladen werden, ohne sofort etwas zurĂŒckgeben zu können â oder zu mĂŒssen.
Einfach annehmen.
Beobachten. Die Dinge wahrnehmen. Und sie nicht sofort beurteilen.
Ich kann sehr schnell in eine Landschaft versinken. Ihre Geschichte, aber auch die Sorgen und Leiden einer Gesellschaft erspĂŒren. Vielleicht fĂŒhle ich mich einem Land gerade deshalb so schnell nah.
Auch wenn mir nicht alles gefÀllt.
Denn am Ende ist es das grosse Ganze, das ein Land ausmacht.
Und es sind die Menschen, die es prÀgen.
Warst du schon einmal in der Slowakei, in Ungarn oder in Serbien? Nicht nur in den HauptstÀdten, sondern draussen auf dem Land? Als Gast, als Reisende, mittendrin?
Dann weisst du vielleicht, wovon ich spreche.
Herzlichkeit kennt keine Sprachgrenzen.
Keine Altersgrenzen.
Ăberhaupt keine Grenzen.
Heute bin ich in Bulgarien.
Wie ich die nÀchsten 790 Donaukilometer bewÀltigen werde, weiss ich noch nicht genau.
Aber ich weiss:
Ich gehe weiter.
Danke, dass du mitreist.
Herzlich,
Beatrice