Ich bin doch nicht krank

Ich bin doch nicht krank

Ich geb’s zu: Für mich stand eine Tasse dampfender Alpenkräutertee nie nur auf einer Liste gut gemeinter Empfehlungen. Dort, wo auch Halswickel, warme Socken und der Satz «Bleib einfach mal im Bett» ihren festen Platz haben. Zum genüsslich Tee trinken habe ich nie auf den Moment gewartet, an dem mich ein grippiger Stosswind niederstreckt und ich ergeben ins Land der Räucherdüfte und bitteren Essenzen eintauche.

Doch warum eigentlich? Warum diese Verbindung – Tee nur bei Krankheit?
Beim Blick aus dem Fenster, jetzt im Februar, zwischen Raureif, Nebelschwaden und den ersten schüchternen Sonnenstrahlen, wird mir schon klar, warum diese Sichtweise so beharrlich bleibt. Winter ist jene Jahreszeit, in der die Welt draussen hypochondrisch klingt: Husten, Schnupfen, gedrückte Köpfe. Die Lust aufs Sich-ins-Bett-Murmeln wächst mit jedem Tag, an dem der Nebel so dicht übers Land rollt, dass sich selbst der eigene Hauch darin verfängt.

Doch dann ist da mein innerer Widerstand. Ich will doch nicht ein winterliches Anhängsel fremder Viren und mythischer Schwächen sein, will kein Statist im Spiel der «Schlepp-dich-durch-den-Winter»-Mannschaft, sondern eine aktive Mitgestalterin meines Lebens – im Rhythmus der Natur, aber nicht ausgeliefert.

Von Mythen, Mustern – und Tee, der gar kein Medikament ist

Als Wandernde zwischen Hecken, Kräutern und Uferwegen beobachte ich: Kräutertee ist überall daheim, nicht nur bei Krankheit. Schon lange nicht mehr nur im Winter. Und auch nicht nur bei uns in den Alpen!

Und trotzdem bleibt da diese winterliche Aura des «Heiltranks». Dass er sonst nicht schmecken darf, als wäre Genuss nur ein Lückenfüller zwischen den Hustentropfen – eine klare Fehleinschätzung.

«Alpenkräutertee ist keine Medizinflasche für schlechte Tage, sondern eine Brücke zu dir selbst – und ein Ja zu dem, was gerade ist. Die Wahl liegt bei dir, jeden Tag neu.»

Kaum ein Getränk ist so ehrlicher Ausdruck der Jahreszeiten wie Kräutertee. Er verbindet uns mit alten Bräuchen, dem fortwährenden Jahreskreis und dem, was draussen langsam in Bewegung kommt, auch wenn der Frost klirrt. Doch unsere Gewohnheit, das Wunderbare zur Notfall-Medizin zu degradieren, trennt uns oft von der Fülle, die das tägliche (Kräuter-)Leben schenkt.

Und siehe da – im fasnächtlichen Treiben wird der Kräutertee dann plötzlich zu Schnaps – stark und in rauen Mengen – um das er kurz darauf, in der Fastenzeit wieder zum Mittelpunkt wird.

Ein paar Kräuter für dich

Vielleicht sitzt du gerade da, nach einem Tag zwischen Lärm, Meetings und nassem Schuhwerk, und spürst das Grau bis in den Rücken ziehen. Oder du bist, wie ich, nach einem kopflüftenden Marsch entlang der Engelberger Aa zurück im Haus, noch durchgefroren, aber wach und geplättet zugleich.

Jetzt eine Tasse Alpenkräutertee: was für eine Wohltat – nicht als Nothelfer, sondern als verbindendes Ritual.

Frauenmond – Mein Lieblingsrezept für solche Tage:

  • Eine Prise Frauenmantel – lässt verhärtetes erweichen und bringt Geborgenheit.
  • Etwas Beifuss – öffnet die Sinne, ordnet das Gedankenknäuel.
  • Ein-zwei RingelblumenblĂĽten – heilt die tiefen Wunden im Winter des Lebens.
  • Wenig SchafgarbenblĂĽten – stärkt die innere Haltung.
  • Und etwas Gänsefingerkraut – löst die K(r)ämpfe, die du mit dir austrägst.

Das alles in einen grossen Krug gelegt – mit kochend heissem Wasser übergossen – kurz ziehen gelassen und dann:

Innehalten, atmen, mit allem Sinnen geniessen.

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