Ein Kräuterkranz. Und plötzlich bin ich mittendrin.

An der Wand hängt ein riesiger Kranz aus getrockneten Kräutern. So gross wie ein Rad.
Ich frage Bogi, was es damit auf sich hat. Eine kleine Frage – und plötzlich sprudeln die Geschichten.
Sie erzählt vom 24. Juni, vom bulgarischen Mittsommerfest Enjowden. An diesem Tag ziehen Menschen auf die Wiesen, sammeln Kräuter und Blumen und binden gemeinsam ihre Kränze.
Mit Freunden. Mit der Familie. Und mit all den guten Wünschen für das kommende Jahr. Schon das Binden selbst, erzählt Bogi, ist ein magischer Akt. Die Handbewegungen haben Bedeutung. In diesen Kranz kommt mehr hinein als Pflanzen.
Bogi erzählt mir von 77½ Heilpflanzen, die in den Kranz eingebunden werden. Nach der Überlieferung stehen die 77 für die bekannten Krankheiten und Leiden, die uns Menschen widerfahren können.
Und dann kommt das Entscheidende: die halbe Pflanze. Dafür wird eine weitere Pflanze halbiert und mit eingebunden, erklärt mir Bogi. Diese Hälfte steht für das, was noch ausserhalb unseres Bewusstseins liegt. Für Krankheiten, die wir noch gar nicht kennen. Für Leiden, die wir spüren, aber noch nicht benennen können.
Gerade dieses Halbe berĂĽhrt mich. In diesem Kranz bekommt auch das einen Platz, wofĂĽr uns noch die Worte und das Wissen fehlen.
Ich schaue den Kranz an. Gerade eben waren es noch getrocknete Kräuter an einer Wand. Jetzt möchte ich jede seiner Geschichten hören.

Ich hatte einen Kräuterproduzenten erwartet
Heute Morgen habe ich eine Mail an Herbalkan geschickt. Auf der Webseite hatte ich gesehen, dass sie wilde Kräuter sammeln und daraus Tinkturen herstellen. Das wollte ich kennenlernen.
Vier Stunden später stehe ich in der Werkstatt von Bogi und Valentin. Wir haben uns noch nie gesehen. Und trotzdem werde ich empfangen, als wären wir schon lange Freunde. Kaum über die Schwelle getreten, fühle ich mich angekommen.
Die beiden haben ihre Arbeitsräume in einem alten Fabrikareal eingerichtet. Sie sind proppenvoll mit Metall- und Glasbehältern, mit Kräutern und Pflanzenauszügen. Hier wird angesetzt, ausgezogen, filtriert, abgefüllt, verpackt und versendet.
Und dieser Duft! Es riecht fast wie bei mir zu Hause.
Du kennst mich: Ich bin neugierig. Und Valentin hebt wirklich jeden Deckel fĂĽr mich. Ich darf riechen, kosten, vergleichen, fragen. Seine Tinkturen duften wunderbar. Rund und harmonisch, so empfinde ich die Aromen dieser Pflanzen.
Das passt zu dem, wie ich Bulgarien bisher erlebe. Weich, zugewandt und fürsorglich. Dieses Land hat für mich etwas Mütterliches. Auf meiner Reise nehme ich wahr, wie unterschiedlich sich Länder anfühlen. Ich bewerte das nicht. Aber ich spüre es.
Und hier darf ich gerade unglaublich viel empfangen.

Ein kleines Kränzchen und ein Wiedererkennen
Auf dem Fenstersims vor der Tür liegt noch ein kleines Kränzchen. Solche Kränze habe ich unterwegs schon an vielen Türen gesehen. Auch nach seiner Bedeutung frage ich.
Bogi erzählt, dass sie eine Woche vor Ostern gebunden werden.
Palmsonntag! Ja, natĂĽrlich. Das kenne ich doch. Das machen wir bei uns auch.
Ich bewege mich täglich weiter nach Osten. Tausende Kilometer liegen zwischen mir und zu Hause. Und dann stehe ich vor einer Tür in Bulgarien und erkenne in einem kleinen Kranz etwas aus meinem eigenen Leben wieder.
Vielleicht verwenden wir andere Zweige. Vielleicht unterscheiden sich einzelne Handgriffe und Bräuche. Aber während Bogi erzählt, denke ich: Ja. Wir auch.
Unsere Geschichte und unsere Kultur sind so viel stärker miteinander verwoben, als wir manchmal wahrhaben wollen.

Vertraute Pflanzen, neue Entdeckungen
Dieser Tag scheint kein Ende zu nehmen. Wir reden, fachsimpeln, tauschen Erfahrungen aus. Ăśber Pflanzenkraft und Heilkonzepte. Ăśber ihre Arbeit mit Menschen und darĂĽber, wie wir in der Schweiz und in Bulgarien mit Gesundheit umgehen.
Die beiden laden mich zum Mittagessen ein. Schopska-Salat, feines Fladenbrot und Wildfleischsuppe. Danach fahren wir gemeinsam ins Balkangebirge.
Südlich von Berkovitsa erhebt sich der Kom auf 2’016 Meter. Zwischen etwa 1’000 und 2’000 Metern Höhe liegen die wilden Kräuterwiesen, auf denen Bogi, Valentin und ihre Helferinnen und Helfer sammeln.

Ihre Sammelflächen werden weder von Nutztieren beweidet noch anderweitig landwirtschaftlich bewirtschaftet. Hier wachsen die Pflanzen wild.
Und jetzt bin ich mittendrin.
Es ist unglaublich bereichernd, mit den beiden durch diese Wiesen zu laufen und ihren Erfahrungen mit den Pflanzen zu lauschen. Wir sprechen darüber, welche Pflanzenteile wir verwenden, wie wir sie verarbeiten und was wir daraus machen. Vieles erkenne ich wieder. Und dann werde ich hellhörig.

Zum Beispiel beim Schmalblättrigen Weidenröschen Epilobium angustifolium. Das kenne ich auch aus unseren Bergen! Hier begegnet es mir unter dem Namen Iwan-Tschai. Mit diesem Namen öffnet sich eine Verbindung zur russischen Teekultur: Dort werden die Blätter auch fermentiert, getrocknet und später als Tee aufgegossen.
Die Pflanze kenne ich. Über diese Verarbeitung möchte ich mehr erfahren.
Bei der Birke beginnt es mit einem Wiedererkennen. Die beiden zapfen im FrĂĽhling Birkenwasser. Genau wie ich.
Dann erzählen sie mir von der Rinde. Auch daraus stellen sie einen Extrakt her. Und schon habe ich wieder Fragen. Ein vertrauter Baum – und ein Pflanzenteil, dessen Verarbeitung ich bei ihnen genauer kennenlernen möchte.

Auch der Name «Wild Basil» fällt. Diese Pflanze wird in der bulgarischen Volksheilkunde vielseitig verwendet, unter anderem zur Versorgung von Wunden und bei Hautbeschwerden. Bei Herbalkan wird auch aus ihr eine Tinktur hergestellt.
Mich interessiert, welchen Platz eine Pflanze im Leben der Menschen einnimmt. Was sie mit ihr machen, welches Wissen sie weitergeben. Und so wächst mit jeder Begegnung auch die Vorfreude auf die Pflanzen, die zu Hause auf mich warten.
Genau das macht diesen Austausch so spannend: Welche Teile einer Pflanze nutzen wir? Was verarbeiten wir frisch, was trocknen wir, was fermentieren wir? Und wie verwenden wir die Zubereitungen in unserem Alltag und in der Arbeit mit Menschen?
Wir bringen unterschiedliche Erfahrungen mit. Sprachlich verstehen wir uns nicht immer bis ins letzte Detail. Aber die Neugier auf die Arbeit des anderen ist gross.
Und ich liebe es, dass ich hier beides sein darf: die Kräuterfrau mit ihrem eigenen Wissen und die Neugierige, die noch lange nicht genug gefragt hat.

Heilkultur, die gelebt wird
Im Austausch mit Bogi und Valentin begegnet mir auch der Einfluss russischer Kräuterliteratur. Eine von mehreren Spuren in einem Land mit einer bewegten Geschichte: fast fünf Jahrhunderte osmanische Herrschaft, später enge Verbindungen zu Russland und im 20. Jahrhundert eine starke sowjetische Prägung.
Auch die bulgarische Pflanzenheilkunde ist aus örtlichem Erfahrungswissen und dem Austausch mit anderen Kulturen gewachsen. In der osmanischen Zeit wirkte beispielsweise die arabisch geprägte Medizin mit hinein.
Hier bekommt diese Geschichte für mich Gesichter. Bogi und Valentin sammeln, verarbeiten, begleiten Menschen und geben ihr Wissen weiter. Sie tragen diese Heilkultur tief in ihren Herzen. Das spüre ich in der Art, wie sie von den Pflanzen erzählen und mit ihnen arbeiten.
Ich denke wieder an den grossen Kräuterkranz. An die Hände, die ihn gebunden haben. Und an die halbe Pflanze, die darin ihren Platz bekommen hat.
Ich hatte einen Kräuterproduzenten erwartet. Und bin mitten in einer lebendigen Heilkultur gelandet.
Hier komme ich wieder hin
Natürlich erzähle ich auch von unserem Kräuterfestival. Und der Gedanke lässt mich nicht mehr los: Wie genial wäre es, wenn Bogi und Valentin bei uns auf der Zaubergarten-Bühne von ihren Heilpflanzen erzählen würden? Von ihrer Arbeit mit den Menschen und von dem, was sie in all den Jahren aufgebaut und bewegt haben?
Ich bin ein neugieriger, abenteuerlustiger Mensch. Ganz selten reise ich zweimal ins gleiche Land. DafĂĽr gibt es noch viel zu viel zu entdecken.
Aber manchmal stehe ich an einem Ort und weiss schon, bevor ich wieder gehe: Hierher komme ich zurĂĽck.
Das sind Orte, deren Kraft mich so berĂĽhrt, dass es mit einem Besuch nicht getan ist. Wie der Kraftplatz der Neuen Zeit im Waldviertel, zu dem ich immer wieder zurĂĽckkehre.
Hier, in diesen wilden Kräuterwiesen am Kom, spüre ich es wieder.
Und ich kann dir sagen: Hätte mein Rucksack nicht noch unten in der Werkstatt gestanden, ich wäre gleich oben geblieben. Bei diesen Pflanzen. Bei dieser Kraft. Bei dieser tiefen Weisheit. Mit all den Fragen, für die ein einziger Tag schlicht nicht reicht.
Und dann beginnen wir, Träume zu spinnen. Bogi, Valentin und ich. Aus dem Gedanken ans Wiederkommen wächst die Idee einer gemeinsamen Pflanzenreise. Im Sommer 2028. Rund um den 24. Juni.
Damit du diesen Tag hier erleben kannst.

Stell dir vor: Wir stehen mitten in den blühenden Kräuterwiesen. Bogi und Valentin nehmen uns mit zum Sammeln. Wir hören ihre Geschichten, lernen die Pflanzen kennen und binden gemeinsam einen Mittsommerkranz. Mit den Händen voller Kräuter und mit dem, was wir uns für das kommende Jahr wünschen.
Vielleicht stehen wir dann auch vor diesem grossen Kranz in der Werkstatt. Und diesmal stellst du Bogi die Frage, was es damit auf sich hat.
Noch in dieser Nacht ist fĂĽr mich klar: Ich komme zurĂĽck. Und ich nehme dich mit.
Wenn du beim Lesen ein Kribbeln oder eine Hühnerhaut spürst und es in dir ruft: «Da möchte ich dabei sein», trage dich in die Warteliste zur Pflanzenreise 2028 nach Bulgarien ein. Wir sind am Anfang unserer Planung. Aber vielleicht beginnt deine Reise ja genau hier.
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Und wenn du bei meinen Begegnungen unterwegs noch näher dabei sein möchtest: Im Mitreiseraum nehme ich dich mit auf meine aktuelle Reise ans Schwarze Meer. Mit Videos, Sprachnachrichten und Geschichten von den Pflanzen und Menschen am Weg. Du kannst auch jetzt noch dazukommen – ich freue mich auf dich!
Herzlich,
Beatrice
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